Wie Videoanalyse und Eye Tracking Prozesse messbar verbessern

Aus Japans Produktionskultur kommend, zeigt die OTRS-Software, wie aus Fertigungsvideos konkrete Prozessoptimierung wird

23/04/2026
Produktneuheiten & Features

Prozessverbesserung beginnt mit einem Verständnis dafür, wie Arbeit in der Praxis tatsächlich ausgeführt wird. In vielen industriellen Umgebungen steckt das entscheidende Wissen nicht in Dokumentationen, sondern in der Erfahrung der Fachkräfte. Videobasierte Analysen, kombiniert mit Eye Tracking, machen dieses implizite Wissen sichtbar. Unternehmen können es erfassen, systematisch auswerten und gezielt weitergeben.

Was passiert, wenn eine erfahrene Arbeitskraft in den Ruhestand geht und ihr Wissen mitnimmt? Die Auswirkungen zeigen sich meist nicht sofort: Prozesse bleiben dokumentiert, Maschinen unverändert, und Nachfolger orientieren sich an denselben Abläufen. Doch mit der Zeit entstehen schleichend Abweichungen. Aufgaben dauern länger, Nachjustierungen häufen sich, Qualitätsschwankungen nehmen zu.

Die Ursache liegt meist im impliziten Wissen – also in erfahrungsbasiertem Können und Urteilsvermögen, das nie vollständig dokumentiert wird. Es zeigt sich im Timing, in der Abfolge von Arbeitsschritten und in feinen Anpassungen während der Ausführung.

Die Sicherung dieses Wissens ist jedoch nur ein Teil der Aufgabe. In der Fertigung ist Verbesserung kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Das japanische Konzept des “Kaizen” steht für schrittweise Optimierung auf Basis genauer Beobachtung realer Abläufe. Prozesse werden dabei nicht als statisch betrachtet, sondern kontinuierlich hinterfragt und weiterentwickelt.

Damit dies funktioniert, braucht es konsistente und wiederholbare Beobachtung. Videoanalysen ermöglichen es, Arbeitsabläufe aufzuzeichnen, zu vergleichen und systematisch auszuwerten. In Kombination mit Eye Tracking wird zusätzlich sichtbar, wie erfahrene Mitarbeiter ihre Aufmerksamkeit bei komplexen Aufgaben lenken.

In Organisationen mit etablierter Verbesserungskultur wird Beobachtung so zum festen Bestandteil. Sie sichert Wissen, unterstützt das Testen von Optimierungen und erleichtert den Transfer bewährter Verfahren über Teams hinweg.

Von der Beobachtung zum Prozessverständnis 

Zwei Techniker montieren dasselbe Bauteil. Einer benötigt neun Minuten, der andere vierzehn. Beide bestehen die Qualitätsprüfung und halten sich an die dokumentierten Vorgehensweise. Aus Compliance-Sicht ist der Prozess stabil. Aus operativer Sicht bleibt jedoch eine zentrale Frage: Wodurch entstehen diese Unterschiede, und wie lassen sie sich systematisch reduzieren?

Solche Abweichungen sind in der Fertigung keine Ausnahme, sondern die Regel. Arbeitsabläufe werden zunehmend im Rahmen von Schulungen, Audits oder Verbesserungsworkshops per Video aufgezeichnet. Doch reines Anschauen des Materials liefert selten belastbare Erkenntnisse. Ohne eine strukturierte Analyse bleiben Beobachtungen meist qualitativ und nur schwer vergleichbar.

Hier kommt videobasierte Arbeitsanalyse-Software wie OTRS ins Spiel.


Die OTRS-Oberfläche zeigt eine synchronisierte Split-Screen-Analyse zweier Mitarbeiter, die dieselbe Fertigungsaufgabe ausführen. In jedem Fenster werden die Live-Aufnahmen neben einer detaillierten Elementliste angezeigt, die die Zykluszeiten, die wertschöpfenden Sekunden und Standardvergleiche aufschlüsselt – so lässt sich leicht erkennen, wo Zeitunterschiede zwischen den beiden Mitarbeitern auftreten.

In diesem Kontext handelt es sich nicht um ein Helpdesk-System, sondern um eine Lösung zur Analyse von Bewegungen, Zeitanteilen und Prozessschritten im industriellen Umfeld. Aufgezeichnete Tätigkeiten lassen sich in messbare Einheiten zerlegen und systematisch zwischen Mitarbeitenden vergleichen.

Statt Videos lediglich zu sichten, können Zeitverluste, Bewegungsmuster und die Stellen, an denen Kompetenz- oder Prozessabweichungen auftreten, gezielt identifiziert werden. In Kombination mit Eye Tracking erweitert sich die Analyse zusätzlich und macht nicht nur sichtbar, was ausgeführt wird, sondern auch, worauf erfahrene Mitarbeitende ihre Aufmerksamkeit richten.

So entsteht ein klareres Verständnis der Ursachen von Leistungsunterschieden – und eine strukturierte Basis, um daraus reproduzierbare Prozessverbesserungen abzuleiten.

Eye Tracking in OTRS-Software – Was ändert sich?  

Ein herkömmliches Video zeigt, was ein Mitarbeiter tut, nicht, worauf er achtet.

Die Eye-Tracking-Daten der VPS Smart Glasses erweitern die OTRS-Software um genau diese Perspektive. Beim Import in OTRS10 werden Blickverläufe, Blickpunkte und Heatmaps direkt im Video visualisiert. So lässt sich visuelle Aufmerksamkeit parallel zur Ausführung analysieren.

Das schafft ein tieferes Verständnis, weshalb Experten und Einsteiger dieselbe Situation unterschiedlich wahrnehmen. Ein Qualitätsprüfer folgt meist einer klaren Reihenfolge kritischer Punkte, während ein Auszubildender häufiger irrelevante Bereiche betrachtet. Beide erfüllen die Aufgabe, aber nur der Experte erreicht konsistent den gewünschten Standard.

Die Kombination aus VPS Smart Glasses und OTRS macht solche Unterschiede sichtbar. Sie zeigt, wohin Aufmerksamkeit geht, wie lange sie dort bleibt und in welcher Reihenfolge sie verläuft. Abweichungen, die im klassischen Video verborgen bleiben, werden so erkennbar.

Die Integration ist einfach: VPS-Aufzeichnungen mit Eye-Tracking-Overlay lassen sich in OTRS nebeneinander vergleichen – etwa zwischen Experten und Einsteigern oder vor und nach Prozessänderungen. Alle Daten bleiben lokal gespeichert.

Gerade in sicherheitskritischen Umgebungen gewinnt das an Bedeutung. Regulatoren verlangen zunehmend belastbare Kompetenznachweise statt reiner Schulungsdokumentation. Eye Tracking liefert dafür eine sichtbare, reproduzierbare Grundlage: Es zeigt, wie gut Aufmerksamkeit und Prozess tatsächlich übereinstimmen.

Was leistet OTRS-Software mehr als ein gemeinsamer Video-Speicherort?

Anstatt Aufzeichnungen lediglich als Referenzmaterial zu nutzen, ermöglicht die Kombination aus VPS Smart Glasses mit Eye Tracking und OTRS eine systematische Analyse der tatsächlichen Arbeitsausführung.

Die Software unterstützt den direkten Vergleich mehrerer Videos nebeneinander. So lassen sich etwa erfahrene Mitarbeitende mit Auszubildenden vergleichen oder bestehende Prozesse mit vorgeschlagenen Verbesserungen gegenüberstellen. Unterschiede in Timing, Ablauf und Bewegungsmustern werden dadurch klar erkennbar.

Werden zusätzlich Eye-Tracking-Aufnahmen eingebunden, erweitert sich die Analyse um eine weitere Ebene: Neben den ausgeführten Handlungen wird sichtbar, worauf sich die Aufmerksamkeit richtet. Ein erfahrener Qualitätsprüfer folgt beispielsweise einer konsistenten Abfolge kritischer Prüfpunkte, während ein Einsteiger seinen Blick eher unstrukturiert verteilt.

Durch die direkte Gegenüberstellung werden Unterschiede in Ausführung und Wahrnehmung sichtbar.

Darauf aufbauend lassen sich Arbeitsabläufe neu strukturieren und potenzielle Prozessänderungen bereits vor der Umsetzung simulieren. Die Ergebnisse fließen anschließend in standardisierte Arbeitsanweisungen, Trainingsunterlagen und Prozessdokumentationen ein. Die reine Aufzeichnung ist dabei nur der Ausgangspunkt – der eigentliche Mehrwert entsteht durch die strukturierte Analyse und Interpretation der Daten.

Von der Erfassung bis zum Ergebnis – Der OTRS-Workflow 

Der Ablauf mit OTRS folgt einem klaren Zyklus: Arbeit beobachten, analysieren und Erkenntnisse direkt in Verbesserungen überführen, die in der Produktion umgesetzt werden können. 

Schritt 1: Aufzeichnen 

Der Prozess beginnt mit der Erfassung der Arbeit in Echtzeit. Dafür kommen stationäre Kameras, Mobile OTRS auf Smartphones oder VPS Eye-Tracking Smart Glasses zum Einsatz, die zusätzlich die visuelle Aufmerksamkeit während der Aufgabe erfassen.

Schritt 2: Segmentieren 

Im nächsten Schritt wird die Aufnahme in OTRS in einzelne Arbeitsschritte zerlegt. Tätigkeiten wie Positionieren, Befestigen, Prüfen oder Werkzeugwechsel werden als separate Segmente strukturiert und damit analysierbar gemacht.

Schritt 3: Analysieren 

Die einzelnen Segmente werden zeitlich ausgewertet und miteinander verglichen. Teams identifizieren Zeitverluste, und Unterschiede in der Ausführung. Zusätzlich sind Vergleiche mit Referenzprozessen oder früheren Prozessversionen möglich.

Schritt 4: Simulieren 

Prozessvarianten lassen sich virtuell neu zusammensetzen, um Verbesserungen vor der Umsetzung zu testen. So können Änderungen bewertet werden, ohne den laufenden Betrieb zu stören.

Schritt 5: Dokumentieren 

Abschließend werden die Ergebnisse in standardisierte Arbeitsanweisungen, visuelle Guides oder Schulungsunterlagen überführt, die direkt aus dem analysierten Prozess abgeleitet werden.

Für Lean-Praktiker ergibt sich daraus ein klarer Vorteil: Verbesserungen lassen sich zunächst per Video validieren – bei geringeren Experimentierkosten und weniger Widerstand gegenüber Veränderungen.

Einsatzbereiche 

OTRS kommt am besten bei strukturierten, wiederholbaren Aufgaben zum Einsatz, bei denen schon kleine Abweichungen in der Ausführung erhebliche Auswirkungen auf Qualität oder Effizienz haben können. Die Hauptanwendungsbereiche liegen in der Automobilproduktion, der Komponentenmontage und der Präzisionsfertigung.

Über die Fertigung hinaus wird OTRS in der Flugzeugwartung und -inspektion sowie in industriellen Schulungsprogrammen eingesetzt – überall dort, wo strukturierte Abläufe und Standardisierung entscheidend sind.

Das System unterstützt auch Service- und Logistikprozesse, in denen eine konsistente Ausführung von Aufgaben unerlässlich ist.

Die mehrsprachige Benutzeroberfläche (u. a. Japanisch, Englisch und Chinesisch, mit Erweiterungsmöglichkeiten für weitere Sprachen) ermöglicht internationalen Teams den Einsatz einer einheitlichen Methodik über Standorte hinweg. Die Nutzung durch führende Unternehmen – darunter an der TSE Prime gelistete japanische Automobilhersteller sowie Firmen aus der Elektronik- und Präzisionskomponentenindustrie – unterstreicht die Rolle der Plattform in Lean- und Kaizen-Programmen bei gleichzeitiger Sicherstellung global konsistenter Prozesse.

Datenschutz und Einsatz im europäischen Kontext

Für Unternehmen in Europa ist eine klare Abgrenzung zwischen Prozessanalyse und individueller Leistungsüberwachung entscheidend, damit videobasierte Arbeitsanalyse rechtskonform und akzeptiert eingesetzt werden kann. Entsprechend sollte solche Software darauf ausgelegt sein, Arbeitsabläufe zu analysieren und zu optimieren und nicht zur Überwachung oder Kontrolle eingesetzt zu werden.

Aufzeichnungen verbleiben dabei im Unternehmen und werden im Einklang mit bestehenden Datenschutzrichtlinien sowie in Abstimmung mit Compliance-Strukturen genutzt. Richtig eingesetzt schaffen solche Lösungen Transparenz auf Prozessebene und schützen gleichzeitig die Mitarbeiterdaten.

LESETIPP: SICHER ARBEITEN MIT SMART GLASSES

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Über den Prozess hinausblicken 

Die klassische Videoanalyse hilft Teams dabei zu verstehen, wie Aufgaben ausgeführt werden und wo Unterschiede in Bezug auf Zeitaufwand, Bewegungsabläufe oder Abfolge auftreten. In komplexen industriellen Umgebungen hängen Leistungsunterschiede jedoch nicht nur davon ab, was die Bediener tun, sondern auch davon, wie sie die Aufgabe während der Ausführung wahrnehmen.

Hier leistet Eye Tracking einen weiteren Beitrag zur Prozessoptimierung. Indem sichtbar wird, worauf erfahrene Mitarbeiter ihre Aufmerksamkeit während einer Aufgabe richten, können Unternehmen besser verstehen, wie Fachkompetenz entsteht – und wie sich diese durch Schulungen und standardisierte Arbeitsabläufe gezielt vermitteln lässt.

In Verbindung mit einer strukturierten Videoanalyse können Aufmerksamkeitsdaten Teams dabei helfen, Abläufe zu optimieren, Schulungsprogramme zu verbessern und potenzielle Fehler zu erkennen, bevro diese die Qualität oder Sicherheit beeinträchtigen. Unser Artikel „Sehen, was andere übersehen“ zeigt, wie Eye-Tracking Leistungsunterschiede sichtbar macht, die klassische Beobachtungsmethoden nicht erfassen.

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