Dies ist kein Versagen von Erfahrung oder individueller Leistungsfähigkeit. Vielmehr handelt es sich um eine strukturelle Herausforderung, die entsteht, wenn komplexe Systeme und Szenarien die menschliche Wahrnehmungskapazität überfordern. Im Training und in Übungen wird diese Lücke sichtbar: Abläufe werden zwar korrekt befolgt und Umgebungen sorgfältig abgescannt, dennoch werden entscheidende Informationen in kritischen Momenten nicht registriert. Klassische Trainingsmethoden können Ergebnisse wie Bewegungen, Reaktionen und Entscheidungen beobachten, doch sie stoßen an ihre Grenzen, wenn es darum geht zu erklären, warum Wahrnehmung und Entscheidungsfindung unter hoher kognitiver Belastung versagen.
Die Herausforderung: menschliche Wahrnehmung unter Druck
Während Streitkräfte massiv in fortschrittliche Systeme und Simulationen investieren, bleibt der Mensch der zentrale Faktor für den operativen Erfolg. Dennoch wird die menschliche Leistungsfähigkeit – insbesondere Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Entscheidungsfindung unter Stress – oft nur unzureichend verstanden und im Training nur teilweise berücksichtigt. Diese Lücke zu schließen bedeutet nicht, die Rolle des Menschen zu reduzieren. Es bedeutet, sie besser zu verstehen und gezielt zu unterstützen.

Eye Tracking: Wahrnehmung sichtbar machen
Wenn Aufmerksamkeit und Wahrnehmung die Leistungsfähigkeit unter Druck maßgeblich prägen, besteht die zentrale Herausforderung darin, sie im Training in Echtzeit sichtbar zu machen. Eye Tracking eröffnet eine neue Perspektive: Es zeigt, wohin die Aufmerksamkeit tatsächlich gerichtet ist – Moment für Moment und unter realistischen Einsatzbedingungen. Anstatt sich ausschließlich auf äußere Beobachtungen zu stützen, erfasst es visuelles Verhalten in Echtzeit und verknüpft es direkt mit Handlungen und Entscheidungen.
Eingesetzt in Live-Übungen und Simulationen, zeigt Eye Tracking, welche Informationen wahrgenommen und welche übersehen werden. Dadurch lassen sich Fehler im Ablauf, taktische Entscheidungen oder wahrnehmungsbedingte Einschränkungen klar voneinander unterscheiden. Wahrnehmung wird zu einer messbaren Größe für Training und Analyse.
Was das für Ausbildungs- und Einsatzkräfte bedeutet
Für Ausbildungseinheiten verändert das Sichtbarmachen von Aufmerksamkeit grundlegend, wie Übungen bewertet und angepasst werden. Anstatt Leistung ausschließlich anhand beobachtbarer Handlungen und Ergebnisse zu beurteilen, kann das Training den Fokus darauf legen, wie Situationen unter Druck tatsächlich wahrgenommen werden.
In der Praxis ermöglicht dies:
- Präziseres Feedback: Ausbilder:innen können klar zwischen prozeduralen Fehlern und wahrnehmungsbedingten Einschränkungen unterscheiden – – Grundlage für gezieltere Nachbesprechungen.
- Frühzeitiges Erkennen von Blind Spots: Aufmerksamkeitslücken und Überlastung werden sichtbar, bevor sie zu wiederholten Fehlern oder unsicherem Verhalten führen.
- Kürzere und effektivere Lernkurven: Trainingsinhalte lassen sich an individuelle und teamspezifische Aufmerksamkeitsmuster anpassen.
- Verbesserte Situational Awareness unter Stress: Einsatzkräfte lernen, ihre Aufmerksamkeit in komplexen, hochdynamischen Umgebungen bewusster zu steuern.
- Trainingsszenarien, die die Einsatzrealität besser widerspiegeln: Übungen können gezielt darauf abgestimmt werden, wie das Personal tatsächlich mit seiner Umgebung interagiert.

SEHEN SIE, WAS IHRE NUTZER ÜBERFORDERT
Zwei aktuelle Studien zeigen, wie Eye Tracking konkrete UX-Probleme in Flugsimulatoren und militärischen Kommunikationssystemen aufdeckt — und welche Designanpassungen daraus folgen.
JETZT LESENVon der Forschung zum realitätsnahen Training
Lange Zeit wurde Eye Tracking vor allem in der Forschung unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt. Das begrenzte seine Relevanz für eine realistische Verteidigungsausbildung. Um es zu einem praxistauglichen Trainingsinstrument zu machen, war eine Technologie erforderlich, die zuverlässig in realen Übungen und Simulationen funktioniert – ohne Bewegungsabläufe oder die Kommunikation zu stören.
Möglich wurde dies durch die Integration von Eye Tracking in leichte, tragbare Smart Glasses. Viewpointsystem hat sich darauf konzentriert, Eye Tracking Technologie in Forschungsqualität in Systeme zu überführen, die für reale Einsatzumgebungen im Verteidigungsbereich geeignet sind. Direkt in Trainingsszenarien eingesetzt, erlauben diese Brillen die Erfassung von Wahrnehmungsdaten genau dort, wo Entscheidungen tatsächlich getroffen werden – unter realistischen Stress- und Einsatzbedingungen.
Heute werden die VPS Smart Glasses von mehreren Streitkräften genutzt, darunter das Österreichische Bundesheer, das kanadische Militär sowie die Streitkräfte weiterer NATO-Mitgliedstaaten. Sie unterstützen die Analyse von Aufmerksamkeit und Situationsbewusstsein in Live- und Simulationsübungen und helfen Ausbildungseinheiten, Übungen enger an die Anforderungen und Realitäten moderner Einsätze anzupassen.
Was das für Entwickler und Integratoren bedeutet
Über die Anwender und Ausbildungseinheiten hinaus ist Eye Tracking auch für diejenigen relevant, die Verteidigungssysteme entwerfen und bauen. Die „Digital Iris“-Technologie ist modular konzipiert und lässt sich in bestehende Simulatoren, Wearables und Schnittstellen integrieren. So können Systemdesigner:innen die Technologie flexibel an technische Rahmenbedingungen und individuelle Entwicklungs-Roadmaps anpassen.
In der Praxis ermöglicht dies Entwicklern und Integratoren:
- Einbettung von Eye Tracking in Simulatoren, Wearables und einsatzkritische Systeme, um das Verhalten der Nutzer direkt in operativen und Trainingsumgebungen zu analysieren.
- Analyse der Interaktion mit komplexen Schnittstellen, um festzustellen, wohin die Aufmerksamkeit gelenkt oder unter kognitiver Belastung verloren geht.
- Optimierung von UX, Ergonomie und Systemklarheit auf Grundlage objektiver Blickdaten, anstatt sich ausschließlich auf Annahmen oder Feedback zu stützen.
- Einsatz erprobter, validierter Eye-Tracking-Technologie, die bereits in Verteidigungstrainings und EU-geförderten Projekten wie ABITS zur Analyse von Aufmerksamkeit, Stress und kognitiver Belastung eingesetzt wird.
Ausblick: Von der Technologie zur Trainingsrealität
Mit der wachsenden Komplexität moderner Verteidigungsumgebungen geht es immer weniger darum, ob Technologie leistungsfähig genug ist. Entscheidend ist vielmehr, ob Training und Systeme mit der menschlichen Wahrnehmung unter Druck in Einklang stehen. Aufmerksamkeit sichtbar zu machen, ist dabei der erste Schritt. Der eigentliche Fortschritt entsteht, wenn diese Erkenntnisse gezielt in Training, Simulationen und das Systemdesign einfließen.
Für Ausbildungseinheiten bedeutet dies, über eine rein ergebnisorientierte Bewertung hinauszugehen und ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie Situationen wahrgenommen und Entscheidungen getroffen werden. Für Systementwickler heißt es, Schnittstellen und Interaktionen auf beobachtbarem menschlichem Verhalten aufzubauen – statt auf Annahmen. In beiden Fällen ist das Ziel dasselbe: Menschen und Systeme besser auf die Realität zukünftiger Einsätze vorzubereiten.
Diese Fragen – wie Menschen unter Stress wahrnehmen, entscheiden und handeln – werden zunehmend zentral für modernes Verteidigungstraining. Sie zu adressieren erfordert die Zusammenarbeit zwischen Training, Forschung und Systemdesign. Es ist ein Dialog, der bereits im Gange ist und auch in den kommenden Jahren prägend sein wird.
Um mehr darüber zu erfahren, wie Eye Tracking im Verteidigungstraining eingesetzt werden kann, besuchen Sie uns auf der Enforce Tac 2026 am Stand unseres Partners ATG Kriminaltechnik in Halle 7, Stand 560.

Lesetipp: Innovation in der Verteidigung — Augen auf die Zukunft
Bei „Miliz trifft Wirtschaft“ diskutierten Entscheider aus Militär und Industrie, wie Startups, Eye Tracking und neue Technologien die Zukunft der Verteidigung mitgestalten können.




